Raus aus der Sucht – Geschafft!
Meine Erfahrungen und ein ausführlicher Bericht über meine persönlichen Aufenthalte in der Entzugsklinik
Vorweg
Ich schreibe diesen Bericht, um dir einen Einblick zu geben, wie mein persönlicher Weg aus der Sucht war. Wichtig zu wissen ist, dass jeder Mensch anders und individuell ist, jedem bringt sein eigener Weg, den er entdeckt, die letztendliche Lösung. Bei mir war es so, wie ich hier beschreiben werde. Auch wichtig zu wissen ist, dass diese Suchterkrankung, sobald man das Suchtgedächtnis aktiviert hat, ein Leben lang bleibt. Eine absolute 0% Toleranz und absolute Abstinenz ist das Ziel, welches wir verfolgen müssen. Rückfälle gehören leider dazu – dazu später mehr.
Die „erste Etappe“ – Selbst ist der Mann?
Nach meinem Schicksalsschlag, den ich im Bericht „Wie bin ich in die Sucht gefallen?“ detailliert beschrieben habe, habe ich etwa zwei Jahre extrem viel getrunken, und das ausnahmslos jeden Tag. Es war eine sehr schwere Zeit. Zwar konnte ich den Schicksalsschlag verdrängen. Aber was bringt es? Man schiebt die Probleme nur auf, und sie werden immer mehr. Ich habe das immer so verglichen: Es ist, wie ein Schneeschieber am Bagger. Man verdrängt mit Alkohol aber das Leben, in dem Metapher der Schneeschieber, fährt weiter. Wie wir alle wissen, wird der Schneeberg dann immer größer. So hat es sich bei mir mit den Problemen verhalten, sie wurden immer mehr, aber ich habe es durch den Konsum verdrängt und habe eine „Egal-Einstellung“ entwickelt. Dadurch habe ich es psychisch auch nicht geschafft, die wichtige Insolvenz anzumelden.
Ich habe das Ganze tatsächlich in diesen zwei Jahren nicht als Krankheit akzeptiert, nicht einmal so gesehen. Ich dachte, es ist eine vorübergehende Verdrängung und „zur Ruhe kommen“. Ein Trugschluss, denn erstens wurden, wie gerade beschrieben, die Probleme nicht weniger, sondern mehr – und zweitens würde der große „Knall“ kommen, sobald ich mit dem Alkoholmissbrauch aufhöre und danach realisiere, wieviele Probleme und Schwierigkeiten sich entwickelt haben in der „Egal-Zeit“. Und es sollte so kommen. Nach den zwei Jahren Dauerkonsum, in den ich gerutscht bin – von jetzt auf gleich – habe ich irgendwann den Wunsch entwickelt, dass es so nicht weitergehen kann. Etwa ein halbes Jahr nach dem Beginn dieser „rettenden Gedanken“ kam der besagte Tag: Ich lass es jetzt. Ich kann dir sagen, ein kalter Entzug ohne Medikamente, die diesen lindern, ist es nicht nur 1-3 Wochen sehr unangenehm und „die Hölle“, sondern wie ich Jahre später gelernt habe: Lebensgefährlich.
Der erste kalte Entzug
Das, wovor alle warnen, habe ich nach zwei Jahren täglichen Konsum, tatsächlich gemacht. Und warum? Weil ich damals komplett ahnungslos war. Ich habe nie mit einem Arzt, Therapeuten oder Psychologen gesprochen, geschweige denn im Internet recherchiert. Das war die besagte „Egal-Einstellung“. Freunde, die Ahnung von der Materie haben, hatte ich auch nicht. Mein ganzer Freundeskreis hatte mit dem Thema Sucht rein gar nichts zu tun. Ich wusste daher nicht einmal, worauf ich mich einlasse. Tagelang konnte ich nicht schlafen. Gar nicht. Nicht eine Minute. Ich habe gezittert, dass ich in der ersten Woche nicht einmal ein Glas Wasser in der Hand halten konnte. Ich habe mir Abhilfe geschafft, indem ich das Glas mit einem Strohhalm in die Spüle der Küche gestellt habe. Einfach das Wasser eingefüllt und ohne das Glas zu halten, durch den Strohhalm getrunken.
Dazu kam das Schwitzen. Nachts im Bett, lag ich wach, habe geschwitzt wie kein anderer und den gesamten Tag über habe ich an den Händen so geschwitzt, dass ich nichts in der Hand halten konnte. Von der inneren Unruhe ganz zu schweigen – Hin und her bewegt, absolut unruhig, extrem laut geatmet, teilweise gestöhnt, ohne das ich Schmerzen hatte. Es kam einfach durch die Unruhe. Nach etwa 2-3 Wochen hat sich der körperliche Entzug dann langsam verabschiedet, das Zittern ist am längsten geblieben. Auch nach 3 Wochen war es noch schwierig mit Messer und Gabel zu essen. Zum Thema Essen: Die erste Woche habe ich nahezu gar nichts gegessen, nur Wasser getrunken. Appetit? Fehlanzeige.
Einen kalten Entzug kann ich aus den genannten Gründen, wie es mir ergangen ist, nicht empfehlen, hinzu kommt, dass es lebensgefährlich ist, da man Gefahr läuft, einen Krampfanfall (alkoholbedingter & Entzugs – epileptischer Anfall) zu bekommen, an dem man sterben kann. Oft beisst man sich beim Krampfanfall auf die Zunge – geschieht das zu extrem, läuft man Gefahr, zu ersticken. Dazu später aber mehr, denn von Krampfanfällen war ich Jahre später nicht verschont geblieben. Auch kann man ein Delir bekommen, was einer klassischen Psychose ähnelt. Ein Delir kann einen Abend, aber in anderen Fällen auch Tage andauern. Es sind Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die man erlebt. Auch das hatte ich viele Jahre später, genaueres schreibe ich dazu noch.
Mein aktuelles Denken heute: Mach keinen kalten Entzug – Lass dich in eine Entzugsklinik/Psychiatrie fahren, dort bekommst du entsprechende Medikamente und bist unter Beobachtung durch das Pflegepersonal und die Stationsärzte.
Jahre später, in meiner zweiten Phase der Sucht, hatte ich teils Klinikaufenthalte, zu denen ich gleich ausführlich schreibe und teils kalte Entzüge, was wieder ein Fehler war. Ich hatte insgesamt 5 Krampfanfälle (das lebensgefährlichste am kalten Entzug). Der erste war zu Hause im Schlafzimmer, ich konnte mich im letzten Moment, als ich merkte, dass ich bewusstlos werde und verkrampfe, auf das Bett werfen, um nicht auf den Fliesen zu landen. Der Krampf ging laut meiner Expartnerin etwa eine Minute. Ergebnis: RTW, Krankenhaus. Dort wurde ich mit medikamenten versorgt. Der zweite war im Schlaf. Gemerkt habe ich das am Folgetag, ich hatte überall Muskelkater vom Verkrampen und einen starken Zungenbiss. Ich konnte ca. 2 Wochen lang keine feste Nahrung zu mir nehmen, nur Suppen unter Schmerzen.
Ein weiterer Krampfanfall war draussen, Passanten haben einen RTW gerufen – wieder im Krankenhaus gewesen. Der nächste war an einer Bushaltestelle, ich bin dabei mit dem Kopf auf der Bank aufgeprallt und hatte eine Platzwunde auf der Stirn. Im RTW kam ich wieder zu mir, habe zwar gesagt, dass ich in ein Allgemeinkrankenhaus möchte, zwecks CT wegen der Platzwunde. Doch die haben mich in die Suchtklinik gebracht. Dieses Mal habe ich ein CT gewünscht, doch mir wurde gesagt, erst die Entgiftung. Daraufhin habe ich mich gegen ärtzlichem Rat selbst entlassen, da mit eventuelle Schäden am Kopf wichtiger waren, zu prüfen. Der letzte Krampfanfall war kein richtiger, es haben nur meine Arme gekrampft, ich konnte die Fäuste nicht öffnen, die Arme nicht bewegen und das Ganze lief wieder eine Minute.
Einen Delir hatte ich auch, hatte starke Halluzinationen, dachte, meine damalige Partnerin liegt im Bett, doch es war niemand da. Ich habe Fotos mit dem Smartphone gemacht, auch auf den Fotos habe ich sie eindeutig gesehen. Ich habe dann den RTW gerufen, der mich in die Suchtklinik gebracht hat. Ich wurde direkt ins „Zimmer 0“ gebracht, was man damals „Gummizelle“ nannte. Die bunten Schaumstoff-Wände, die Farbwechselbeleuchtung wirkt sehr beruhigend. Damit ich in dem Zimmer eingeschlossen werden konnte, musste eine Richterin kommen, der Oberarzt, ein weiterer Arzt und Pflegepersonal. Meine Halluzinationen waren so weit fortgeschritten, dass ich z.B. dem Oberarzt die Frage, wie lange ich denn getrunken habe diese Antwort gegeben habe: „Sie sind der Quizmaster, ich nehme den Telefonjoker“. Im Nachinein lache ich heute darüber. Damals jedoch war es erschreckend, wie unkontrolliert man ist, wenn man ein Delir hat. Das erschreckende war, als mein Delir vorbei war, habe ich noch einmal die Fotos angeschaut. Auch dort war ein leeres Bett zu sehen. Die Halluzinationen im Kopf sind also so weit fortgeschritten, dass ich sie selbst auf dem Smartphone gesehen habe. Deshalb empfehle ich dir, niemals einen kalten Entzug zu machen!
Ich habe aufgehört – Darauf ausruhen?
Auf keinen Fall! Ich habe diese Erfahrung gemacht. Nach diesem kalten Entzug der zwei Jahre Dauerkonsum war ich – bis auf seltenerweise 1-2 Bier beim Grillen – zum größten Teil abstinent. Ich habe mich darauf ausgeruht mit dem Gedanken „Du hast es geschafft es zu durchbrechen“. Als ich dann noch die EMDR Traumatherapie gemacht habe, wurde es noch besser. Ich habe mich zurückgelehnt und sicher gefühlt. Auch hatte ich wieder den Kopf so frei, um die Insolvenz mit allem drum und dran anzumelden, mich um vieles zu kümmern. Wie sich später rausstellen sollte: Ein fataler Fehler, das als selbstverständlich anzusehen. Da ich es bis dahin immer noch nicht als Krankheit, sondern als vorübergehende Phase, gesehen habe, habe ich die dunklen zwei Jahre meines Lebens verdrängt – nüchtern.
Eines „Besseren“ belehrt wurde ich sieben Jahre später. Meine über 4 Jahre lange schöne Beziehung fand abrupt ein Ende. Inklusive Polizeieinsatz, Kontaktverbot, Gerichtsverhandlungen in mehreren Instanzen. Und da war er: Der große Rückfall. Er sollte fast vier Jahre andauern – doch diesmal nicht im Dauerkonsum, sondern im 2-3 Wochen Trinken & 3-4 Wochen nicht Trinken Wechsel. Ich konnte fast den Kalender danach stellen. In diesen kurzen abstinenten Phasen habe ich erst einmal die Entzüge wieder „kalt & zu Hause“ gemacht. Ich habe diesmal aber relativ schnell realisiert: „Martin, du bist an einer Suchterkrankung erkrankt“. Die kalten Entzüge waren genauso hart, wie der damalige nach dem „ersten Block“ von 2 Jahren. Es musste sich also dringend etwas ändern und tun.
Mein erster Klinik-Aufenthalt
Ich habe beschlossen, in die Suchtklinik zu gehen. Ich bin erst einmal zum Hausarzt gegangen und er hat mir das besagte für mich zuständige psychiatrische Krankenhaus in Neuss benannt. Das ist mir seit meiner Jugend an bekannt. Damals hat man noch Späße im jugendlichen Leichtsinn gemacht: „Wenn du weiter sowas machst, kommst du dort rein, hahaha“…
Niemals hätte ich gedacht, dass ich jemals dort Patient werden würde. Aber seit ich realisiert habe, dass ich Suchtkrank bin, war es plötzlich für mich okay, dort hin zu fahren. Nach einem Anruf im alkoholisierten Zustand, wurde mir gesagt, dass sie mich als Notfallpatient aufnehmen können und ich vorbei kommen soll zur stationären Aufnahme. Ich habe also einen Koffer (Handgepäckkoffer) vollgepackt mit Kleidung und Badezimmer-Equipment. Ich wurde mit dem Auto hingebracht und bin dann zur Aufnahme. Habe mich über den modernen Aufbau sehr – positiv – gewundert. Normalerweise hat man beim Wort „Psychiatrie“ ein uraltes Backsteingebäude mit vergitterten Fenstern im Sinn, weil man es so aus dem Fernsehen kennt.

Doch Fehlanzeige – Die Klinik war zwar viel früher ein Backsteingebäude, doch sie wurde durch eine komplett neue und absolut moderne Klinik erweitert. Das alte Backsteingebäude funktioniert seitdem als reines Bürogebäude mit direktem Anschluss zum eigentlichen Klinikteil. Zugegeben, ich habe mich trotz meines desolaten Zustands, wohl gefühlt.
Es sollte der erste von insgesamt 35 Aufenthalten in dieser Klinik sein.
Die Klinik hat sehr viele Stationen für alle erdenklichen seelischen Erkrankungen. Zwei Stationen sind dort für das Thema Sucht da. Eine ist die Akutstation, sie ist zweigeteilt: Eine offene Seite und eine geschlossene, für Fälle, falls Patienten im Akutzustand sich oder andere gefährden könnten. Ich kam zum Glück auf die offene Station.
Wie lief die Aufnahme ab?
Ich ging durch die Tür zu den Aufnahme-Ärzten. Ein Arzt und eine Assistentin haben mich ins Zimmer gebeten. Dort wurde ich erst einmal mit den Standard-Fragen befragt:
- Wie viel haben Sie getrunken?
- In welchem Zeitraum haben Sie getrunken?
- Wie ist Ihr Befinden?
- Haben Sie Halluzinationen?
- …und weitere ärztliche Fragen
Anschließend wurde ich körperlich untersucht:
- Reflex-Checks
- Blutabnahme
- Atem-Alkoholtest
- EKG
- Abtastungen im Bauchbereich
Als alles erledigt war, kam eine Pflegerin und hat mich inklusive Koffer ins Zimmer begleitet und mir alles gezeigt. Ich habe eine Trinkflasche bekommen, die ich im Aufenthaltsraum auffüllen konnte. Im Entzug muss man sehr viel Wasser trinken. Danach wurde mein Koffer durchsucht, was auch auf den offenen Stationen Standard ist. Hier wird geschaut, ob man Alkohol mit hat oder Tabletten. Im geschlossenen Bereich wird noch mehr gemacht: Rasierer, Nagelknipser, und alles was scharf ist, wird vom Pflegepersonal mitgenommen und in eine dem Patienten zugewiesene Schublade gelegt. Wenn die Patienten der geschlossenen Station sich rasieren möchten, müssen sie den Rasierer dann für 10 Minuten beim Personal abholen und danach sofort zurückgeben. Das dient dem Selbstschutz. Da ich auf der offenen Seite war, konnte ich meine Sachen komplett behalten.
Koffer ausgepackt, alles ins Badezimmer in mein Regal gelegt und gestellt und die Kleidung in den Schrank gelegt. Meinen Laptop und Unterlagen habe ich in meinen Safe im Schrank eingeschlossen. Ich dachte mir: Fast wie im Hotel. Bei meinem ersten Aufenthalt war es ein 2-Bett Zimmer. Ich war zwar privat Versichert, aber durfte nicht auf die Privatstation, da ich als Notfall und alkoholisiert kam. Dann kommt man zwangsläufig zuerst auf die Akutstation.
Offene Station – Wie läuft es ab?
Offene Station klingt erst einmal „locker“. Doch in der ersten Woche ist man trotzdem Stationsgebunden. Denn man bekommt, sobald man unter 1,5 Promille ist, Entzugsmedikamente, was in der Regel Benzodiazepine. Diese müssen unter Aufsicht gegeben werden und man darf während der Einnahme die Station nicht verlassen. Sobald man unter 1,5 Promille ist, bekommt man die erste Gabe. In der Regel dann alle 2 Stunden, auch nachts. Es wurde also alle 2 Stunden mein Blutdruck gemessen, mein Puls, und dann habe ich die Tabletten bekommen. Schon ab dem zweiten Tag, nach Ermessen des Personals und der Ausprägung der Entzugssymptome, wird schon begonnen, die Abstände der Gaben zu strecken. Die Abstände werden immer größer, meinen eigenen Erfahrungen nach sind die Tabletten nach 4-6 Tagen, je nach Härte des Entzugs, ausgeschlichen. Danach folgen die 24 Stunden „0-Tag“ und nach diesen 24 Stunden ohne Tabletten ist die Station für mich komplett offen gewesen.
Ich durfte ab dem Moment die Station verlassen und auch in die Innenstadt gehen, nach Hause fahren etc. – Natürlich zu den offiziellen Zeiten, in meinem Fall bis 22 Uhr. Die drei Mahlzeiten waren Therapiezeit und verpflichtend, also musste man vor Ort sein. Man konnte sich beim Stationsarzt jedoch in dringenden Fällen vom Essen befreien lassen.
Was passiert noch in der stationären Zeit?
Es hingen überall, am schwarzen Brett beim Pflegepersonal und auch im Zimmer, eine Art Stundenpläne aus. Wie damals in der Schule. Es gab einige wenige Pflichtprogramme, die ich dir hier aufzähle:
- Sporttherapie (fast täglich eine Stunde, im Wechsel im Fitnessraum oder in der Sporthalle, in der man Badminton, Tischtennis, Basketball etc. spielen konnte). Während der Tablettenzeit war man jedoch wegen den möglichen Nebenwirkungen vom Sport befreit. Man sollte immer für das Pflegepersonal greifbar sein in der ersten Zeit
- Kreativtherapie (man kennt es auch unter Ergotherapie), dort konnte man sich kreativ betätigen: Zeichnen, malen, Hirnleistungstraining wie z.B. Kreuzworträtsel, Buchstabengitter usw.), Speckstein-Arbeiten, Töpfern etc.
- Rückfallprophylaxe (Im Aufenthaltsraum, ein Therapeut hat Vorträge gehalten zum Thema Rückfall und welche Skills es gibt, diesem vorzubeugen), 1x die Woche
- Medizinische Infogruppe (Im Aufenthaltsraum mit Therapeuten), auch 1x die Woche, es wurde viel über körperliche Schäden gesprochen und auch über psychische. Pro-Contra Listen werden gemeinsam erarbeitet.
Das gute an dem modernen Konzept dieser Klinik ist, dass die Patienten in den Alltag integriert werden. Für die Patienten, die tiefer in der Krankheit stecken und den Alltag zu Hause nicht mehr meistern können, ist es ein guter Einstieg in einen geregelten Alltag. Für die anderen ist es gegen eine eventuell auftretende Langeweile. Letzteres war bei mir der Fall. Da ich als selbständiger den Charakter habe, immer etwas zu machen, kommt mir das gelegen. Montags, Mittwochs und Freitags gab es deshalb morgens eine Stationsversammlung. Hier wurden nicht nur Schäden im Zimmer besprochen, die repariert werden müssen, sondern auch eine kurze Befindlichkeitsrunde, bei der jeder kurz sagen sollte, wie es ihm aktuell geht. Dann ging es an die gerade beschriebenen Dienste, man konnte sich für einen oder mehrere eintragen lassen.
- Stationssprecher (Falls es Konflikte zwischen Patienten gibt oder Patienten Probleme mit dem Personal haben, ist das die vermittelnde Person)
- Tischdienst (Nach jedem Essen muss der zuständige Patient die Tische mit Desinfektionstüchern sauber machen und die Servietten befüllen etc.)
- Küchendienst (Frühstücksbuffet wird aus der Großküche im Kühlwagen angeliefert. Den Aufschnitt und die Brötchen in den Aufenthaltsraum auf Tellern schön angerichtet auslegen. Das gleiche gilt für das Abendessen. Beim heißen Mittagessen gibt es ein gewebliches großes Warmhaltegerät. Der Küchendienst muss kurz vor der Ausgabe alles auf das Gerät auslegen. Es gibt 3 Mahlzeiten zur Auswahl (in der Regel wird bei Bestandspatienten vorbestellt, was man in der Folgewoche essen möchte). Es gibt Vollkost, schweinefleischfreies Essen und vegetarisch zur Auswahl, jeden Tag etwas anderes). Die Patienten stehen an der Küchenausgabe schlange und bekommen ihr Essen dann angereicht)
- Einkaufsdienst (wer Tablettenfrei ist und somit freien Ausgang hat), sammelt Geld in einzelnen Briefumschlägen ein. Es sollen nur die Patienten ohne freien Ausgang bestellen. Es wird der Patientenname, die Zimmernummer und der Betrag aufgeschrieben – natürlich auch was bestellt wird. In den meisten Fällen Zigaretten oder Getränke, wie Cola etc.). Direkt an der Klinik ist ein externer Kiosk, bei dem alles gekauft wird.
- Kühlschrankdienst (Im Aufenthaltsraum gibt es einen Patientenkühlschrank, man muss seinen Namen auf die Verpackung oder Flasche schreiben). Der Dienst prüft die Haltbarkeitsdaten, ob der Patient noch da ist, und reinigt den Kühlschrank
- Springer (Allgemeine Vertretung für alle Dienste, falls ein Patient wegen z.B. Unwohlsein) ausfällt
Die Dienste gelten immer bis zur nächsten Stationsversammlung (Die Dienste, die am Freitag vergeben werden, gehen etwas länger wegen des Wochenendes).
Ich persönlich kenne inzwischen die Küche auswendig, da ich bei allen 35 Aufenthalten den Küchendienst übernommen habe. Erstens habe ich die Arbeit sehr gemocht und zweitens hat man diverse Vorzüge, da man auch spät Abends noch in die Küche rein darf und im Notfall für sich oder andere Patienten noch ein Brot belegen kann 🙂 Kaffee und heißes Wasser für Tee kochen gehört mit zu den Aufgaben. Meine Erfahrung zeigt: Die meisten Patienten, trinken sehr viel Kaffee, wenn es ihnen beim Entzug etwas besser geht. Das Personal sieht es nicht so gerne, aber es gibt immer Wege und Möglichkeiten. Viele Patienten haben sich auch mit löslichem Kaffee auf dem Zimmer eingedeckt. Heißes Wasser war 24 Stunden im Aufenthaltsraum da. Da ich persönlich sehr spät schlafen gehe, habe ich auch noch um 1 oder 2 Uhr nachts noch Wasser gekocht. Nachts hat es das Personal gemacht.
Mitpatienten
Anders, als ich vorher befürchtet habe, findet man zu 99% sehr nette, meist auch sehr intelligente und emotionale Menschen, vor. Da die Aufnahmen natürlich unterschiedlich stattfinden, ist es immer gemischt. Den meisten geht es nach 2-3 Tagen bereits so gut, dass sie sich, wie auch ich, im Grunde den gesamten Tag auf der Station im Aufenthaltsraum aufhält. Etwas abgetrennt war der Fernseh-Bereich mit bequemen Sofas. Schnell habe ich sehr nette Menschen kennengelernt. Mit einigen habe ich tatsächlich eine echte Freundschaft entwickelt und treffe sie regelmäßig. In all den Jahren sind sogar zwei Beziehungen entstanden. Das ich danach wieder getrunken habe, war nie ein Problem. Eine der Beziehungen hatte ebenfalls eine Suchterkrankung und hat mich entsprechend verstanden. Die Beziehung ist nicht wegen der Sucht zu Ende gegangen, sondern hatte andere Gründe. Die andere Beziehung: Sie hatte starke Depressionen und keine Sucht. Die Beziehung zerbrach wegen der Depressionen. Aber die Zeit war immer sehr schön. Man kann also durchaus tolle Freundschaften und sogar mit etwas Zufall Beziehungen eingehen, wenn man sich tatsächlich verlieben sollte.
Doch man muss aufpassen: Ich habe einige Patienten kennengelernt, die ebenfalls Beziehungen eingegangen sind. Sie haben es danach aber nicht geschafft, weil beide Personen rückfällig wurden und die Beziehungen dann aus dem Konsum bestanden.
Auch ich habe danach gemerkt, wenn die Telefonate nach dem Klinikaufenthalt nur aus dem Thema „Trinken“ bestanden und man von denen im betrunkenen Zustand angerufen wurde. Mit diesen Personen habe ich aus Selbstschutz den Kontakt auslaufen lassen bzw. abgebrochen.
Möglichkeiten für die Zukunft
Eine für viele Patienten wichtige Möglichkeit ist der Sozialarbeiter der jeweiligen Station. Mit ihm können während des Aufenthalts nicht nur soziale Themen besprochen werden, wie Anträge (z.B. Jobcenter), die man in der Konsumphase schleifen lassen hat. Die viel wichtigere Aufgabe ist das Einleiten einer Langzeittherapie, ob ambulant oder stationär. Bei einer stationären Theapie muss der Sozialarbeiter verpflichtend einen Sozialbericht erstellen, deshalb kommt man – auch wenn man es selbst kann wie in meinem Fall ich – um den Sozialarbeiter nicht herum.
In meinem Fall wollte ich die Langzeittherapie nach dem etwa 30sten Aufenthalt angehen. Ich habe von ihm alle Unterlagen bekommen, diese in Ruhe auf dem Zimmer ausgefüllt und die Stichpunkte für den Sozialbericht (eine Art Lebenslauf) vorbereitet und ihm alles gebracht. Er hat dann aus meinem Lebenslauf den Sozialbericht erstellt und an die Rentenversicherung geschickt, die standardmäßig der Kostenträger ist. In meinem Fall ging es von dort aus weiter zur Krankenkasse. Da ich selbständig bin, ist diese für mich zuständig. Mein Antrag wurde angenommen und ich habe eine 9 Wochen stationäre Reha bewilligt bekommen.
Wichtige Info von mir
Viele Betroffene, aber überwiegend deren Angehörige und Freunde, sind der Meinung, eine Entgiftung, die 1-3 Wochen andauert, sei bereits eine Therapie. Das ist falsch, es ist tatsächlich eine körperliche Entgiftung mit Medikamenten und anschließend ca. eine Woche, in der man weiter zur Ruhe kommen und an den Infogruppen teilnehmen soll. Das ist er erste Block zur Abstinenz. Die Entgiftung, der körperliche Entzug. Der eigentliche Part ist die Langzeittherapie. Dort hat man eine Bezugstherapeutin / Bezugstherapeut. Es finden Einzelgesäche im vertrauten statt und viele Gruppengespräche, die therapeutisch aufgebaut sind. Das nennt sich Entwöhnung. Aber meiner Erfahrung nach, die ich machen musste: Die eigentliche Therapie beginnt nach der Therapie. Ich habe es leider nicht geschafft zu dem Zeitpunkt. Ich war einfach noch nicht soweit, den entscheidenen Moment im Kopf hatte ich derzeit noch nicht und wurde deshalb danach wieder rückfällig. Spürbar war zwar, dass die Abstände zwischen meinen Trinkphasen länger wurden, aber dennoch war in den Trinkphasen der Alkoholmissbrauch wieder da.
Langzeittherapie / Rehabilitation Sucht
Meine Klinik habe ich bewusst in der Nähe meines Wohnorts ausgesucht (ca. 10 km entfernt). Ich wollte mein Zuhause, meine Familie und meine Freunde in der Nähe haben, da ich ein Mensch bin, der viel Kontakt zu seinen Liebsten braucht. Hier sind meiner Erfahrung nach die Menschen sehr unterschiedlich: Der einen Person ist eine Rehaklinik wichtig, die sehr weit weg ist, oft 400 km und mehr, mitten in einem Wald. Andere sind wie ich und möchten in der gewohnten Umgebung bleiben. Warum habe ich mich so entschieden?
- Die Nähe zu meinen Freunden war mir wichtig
- Gewohnte Umgebung: Oft fällt bei der Suchtbekämpfung, ganz gleich, ob die Entzugsklinik oder Rehaklinik gemeint ist, der Begriff Käseglocke. Man ist in einem geschützten Umfeld. Das ist tatsächlich so spürbar. Deshalb war es mir persönlich sehr wichtig, in meinem gewohnten Umfeld zu bleiben, in dem ich auch lebe. Meine Einstellung war: Wenn ich sowieso schon in einer „Käseglocke“ bin, dann möchte ich mein echtes Leben haben, wenn ich keine Therapieeinheiten habe und raus aus der Klinik gehe.
- Für mich war es nichts, in der „Käseglocke“ zu sein und darüber hinaus in einer völlig fremden, fast Menschenleeren, Umgebung zu sein. Denn es ist wahr: Wenn man entlassen wird nach so vielen Wochen, wird man meiner Meinung nach „in die freie Wildnis“ gesetzt. Wenn ich also während der Reha in meiner bekannten Umgebung war, ist es nicht so heftig, wie nach all den Wochen nach dem Käseglochen-Ende auch wieder aus der Ferne nach Hause zu kommen. Da ist der „in die Wildnis“ Effekt meiner Meinung nach viel extremer.
- Hier muss ich aber auch sagen, dass jeder Betroffene andere Ansichten hat und anders über seine Reha denkt. Viele gehen bewusst sehr weit weg, da die gewohnte Umgebung ein Grund für die Sucht war. Viele ziehen danach auch privat um, um neu anzufangen. Da bei mir nicht die Umgebung und die Freunde der Grund zur Sucht waren, habe ich anders herum gedacht.
Unterschied der Aufenthalte Entgiftung & Reha
Ich habe weiter oben meinen Aufenthalt und meine Gefühle dazu bereits ausführlich geschrieben. Im Grunde sind beide Konzepte – das ist meine Meinung – Gleich und doch nicht gleich. Eher ähnlich.
Voraussetzung für eine Reha ist eine vorherige Abstinenz. Hier unterscheiden sich die Kliniken. Ich habe mit vielen Mitpatienten gesprochen, die teilweise mehrere Rehas hatten und habe vieles erfahren. In meinem Fall hat meine Klinik keine vorherige Entgiftung vorausgesetzt, es mussten nur meine Leberwerte in Ordnung sein. Ich sollte ca. eine Woche vor dem Antreten der Reha einen Bluttest beim Hausarzt machen. Das bedeutet Disziplin, man sollte im Schnitt 6 Wochen nichts getrunken haben. Auch wenn es individuell ist, erholen sich die Leberwerte im Durchschnitt in der Zeit. Wer sich unsicher ist, sollte eventuell mehrere Bluttests im Abstand von mehreren Wochen machen, um die Werte zu beobachten, wie sie sich stabilisieren. Die Leber ist recht schnell – zumindest bei mir 🙂
Aufnahme in der Reha
Die Aufnahme ist nicht ganz vergleichbar mit der Aufnahme in der Entzugsklinik. Hier läuft es deutlich entspannter ab. Hier sind meiner Meinung nach Menschen, die ich nicht Patienten nenne, sondern Reha-Teilnehmer. Das liegt für mich daran, dass die Leute über eine längere Zeit abstinent sind und dementsprechend fit in den Gesprächen. Es geht nicht mehr so viel um medizinisches, sondern mehr „Kopfsache“. Deshalb besteht die Aufnahme aus Gesprächen mit dem Pflegepersonal, der zugewiesenen Ärztin, der Bezugstherapeutin. Die Ärztin fragt vieles über den allgemeinen Gesundheitszustand und welche Medikamente ich wie einnehme. Bei mir war es nur meine Schilddrüsentablette (1-0-0) und auf Bedarf Schmerzmedikamente, weil ich als Prothesenträger Schmerzphasen haben könnte. Zwar sehr selten, aber die kamen nicht zum Einsatz. Meine Blutergebnisse lagen vom Hausarzt vor, also musste keine Blutuntersuchung direkt am ersten Tag gemacht werden.
Danach ging es weiter zur Bezugstherapeutin, es war ein kurzes Kennenlerngespräch mit einem kurzen Anschnitt – Ich sage mal, es war ein mündlicher Lebenslauf, damit sie sich auf mich vorbereiten konnte. Auch das Pflegepersonal hat sich vorgestellt, das gerade im Dienst war und mir wurde das Prozedere erklärt (Tablettenregelung -> Man holte sich morgens für den Tag eine Box ab, in der die typischen Bereiche unterteilt waren für morgens, mittags, abends, nachts. Das gute an dieser Klinik war, dass sie 110 ausschließliche Einzelzimmer hatte. Es gab insgesamt 4 Gruppen, die nach Ähnlichkeiten, teils nach Alter zusammengestellt wurden. Meine Gruppe bestand aus ca. 20 Personen.
Jeder „neue“ hat einen Reha-Teilnehmer als „Paten“ bekommen, der einem in den ersten Tagen begleitet hat, damit ich mich einleben konnte und nach und nach alles kennengelernt habe.
Ablauf in der Rehaklinik
Auch im Ablauf ging alles deutlich „lockerer“ durch, als in der Entgiftung. Es gab Pflichttherapien Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags. Der Mittwoch war „frei“, bzw. für freiwillige Therapieeinheiten. Die Pflichteinheiten waren natürlich die Gruppen- und Einzeltherapiegespräche, Sport und Ergotherapie. Das war tatsächlich ähnlich, wie in den Entgiftungen.
Anders war es bei dem Essen: Hier gehörte es nicht zum Pflichtprogramm und war freiwillig. Wir sind häufig abends in die Pizzeria nebenan gegangen, da mir z.B. das Brot irgendwann zu eintönig wurde. Manchmal hat mich auch eine Freundin oder ein Freund besucht und wir sind Essen gegangen. Das war zugegeben und meiner Meinung nach sehr locker.
Das gesamte moderne Reha-Konzept dieser Klinik hat mir sehr gefallen. Man hat sich nie eingesperrt oder gezwungen gefühlt, konnte sich frei bewegen.
Ich musste während der Reha aufgrund meiner damals noch neuen Prothese eine Physiotherapie gemacht. Die Praxis war wenige km entfernt und die Klinik hat mir für die Physio-Termine Taxigutscheine gegeben. Das war wirklich schön, da ich die Prothese erst wenige Wochen hatte und das Busfahren noch sehr riskant für mich war. Auch wurde ich in der Sporttherapie gesondert behandelt. Wenn die Gruppe ins Schwimmbad oder in die externe Sporthalle zum Badminton spielen gefahren ist, durfte ich als Ausnahme im Fitnessraum bleiben und dort trainieren auf dem Hometrainer.
Ablauf des Ausgangs: In den ersten zwei Wochen durfte man nur in Begleitung eines anderen aus der Gruppe, welcher schon länger da war, in die Stadt. Alleine durfte ich in den ersten zwei Wochen nur gegenüber zum Kiosk und in den Supermarkt, die waren beide nur 50m entfernt.
Als Fazit zum modernen und sehr offenen Konzept: Bereits in den ersten zwei Wochen, an denen ich nur in den Kiosk und Supermarkt durfte, wurde ich bewusst dem frei verkäuflichen Alkohol ausgesetzt. Hier war dann das Zauberwort: Disziplin. So war die „Käseglocke“ in dem Sinne gar keine mehr, denn man hat vom ersten Tag an Eigenverantwortung zeigen müssen: Ich mir selbst gegenüber und gegenüber der Rehaklinik. Auch nach den zwei ersten Wochen: Disziplin. Das finde ich definitiv besser, als komplett abgeschottet zu sein. Es gibt Kliniken, bei denen man nur mit einem Mitarbeiter in Begleitung raus darf, oder andere Kliniken, die eine Anmeldung zum „raus gehen“ möchten und das man nur in einer Gruppe raus geht. Das wäre mir persönlich zu sehr „eingesperrt sein“.
Deshalb kann ich aus meiner Erfahrung empfehlen: Informiere dich unbedingt vor der Wahl der Klinik über das gesamte Therapiekonzept und entscheide vorher, ob es für dich passt oder nicht!
Durch das Einzelzimmer (Egal, ob man gesetzlich oder privat versichert ist), hat man, wenn man es gerade braucht, genug Ruhe und kann sich zurückziehen.
Was war nach meiner Reha?
Wie ich schon geschrieben habe, wurde ich leider rückfällig und danach noch ca. 5 mal in der Entzugsklinik. Da mir diese Klinik inzwischen sehr vertraut war nach all den Aufenthalten, musste ich mich nicht groß einleben. In diesen letzten Aufenthalten habe ich bei der Aufnahme bewusst gesagt: Ich möchte einen reinen körperlichen Entzug machen und danach entlassen werden. Ich möchte nicht an den Einheiten teilnehmen, da ich die Thematik inzwischen auswendig kenne und dort nur meine Zeit absitzen würde. Dem wurde zugestimmt, so dass ich nur ein paar Tage den Entzug mit Medikamenten bekommen habe und 24 Stunden nach der letzten Einnahme entlassen wurde.
Wie habe ich es letztendlich geschafft?
Im Grunde waren es zwei Ereignisse unmittelbar hintereinander, die den entscheidenden „Klick-Moment“, an den viele nicht glauben, gebracht haben. Ich war im November 2025 zum letzten Mal in der Entzugsklinik. 2 Tage vor meiner geplanten Entlassung hatte ich ein sehr intensives Gespräch mit einer Pflegerin. Dieses Gespräch hat sämtliche vorherigen Gespräche mit Pflegern und Pflegerinnen, Therapeuten, Psychiatern, Ärzten, in den Schatten gestellt, weil sie Worte gefunden hat, die anders waren. ANDERS. Diese haben mich so intensiv getroffen – im positiven Sinne – Das mein Kopf währenddessen eine richtige 180° Wendung gemacht hat. Das Gespräch war etwa 40 Minuten lang, so viel Zeit haben die Pflegerinnen meist leider nicht, aber sie hat gemerkt, dass sie etwas in mir bewirkt und hat sich die Zeit genommen.
Ich habe ihr am Ende des Gesprächs wörtlich gesagt: „An Ihnen ist eine top Therapeutin verloren gegangen“
Dann der Schicksalsschlag
Das war der erste Teil des endgültigen „Klick-Moments“. Nur sollte noch ein Schicksalsschlag folgen, der mir den endgültigen „Tritt“ gegeben hat. Ich hatte eine jahrelange beste Freundin und Seelenverwandte. Sie war leider auch Alkoholkrank. Sie hatte bereits mit der Leber ernste Probleme, wie eine Leberentzündung, die einer Vorstufe vor einer meist tödlichen Leberzirrhose ist. Einen Tag nach dem bewegenden und wichtigen Gespräch mit der Pflegerin, hat meine beste Freundin mich per Videocall angerufen. Ihr ging es die Tage davor super, alles war gut. An jenem Tag ist sie aufgestanden und hat im Spiegel gesehen, dass sie in den Augen gelb war und ihre Haut ebenfalls. Ihrem Sohn ist es erst aufgefallen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sofort ins Krankenhaus soll. Sie ist dann in ein Allgemeinkrankenhaus gefahren worden.
Die Schock-Diagnose: Leberzirrhose im Endstadium. Und ich? War noch in der Entzugsklinik. Ich erinnere mich auch heute sehr intensiv an die Zeit und an die Tatsache, wie schnell es gehen kann. Erschreckend. Sie hat mich aus dem Krankenhaus kurz vor meiner Entlassung per Videocall angerufen und sah sehr erschöpft aus. Hat mir gesagt „Hoffentlich komme ich hier lebend raus“. Ich war in schrecklicher Angst. Am kommenden Tag wurde ich entlassen. Ihr Krankenhaus hatte leider sehr kurze Besuchszeiten, nur ihre direkte Familie durfte ausserhalb dieser Zeiten vor Ort sein. Ich habe es an dem Tag nicht geschafft, aber am Folgetag bin ich sofort hingefahren um sie zu besuchen. Ich ahnte nichts Gutes. Ihre Kinder und ihr Vater waren vor Ort, haben mich empfangen und bevor wir ins Zimmer gegangen sind, hat mich ihre Tochter im Gang aufgeklärt: „Die Ärzte geben ihr unter Leiden maximal zwei Wochen. Es ist nichts zu retten. Also haben wir uns als Familie entschieden, sämtliche Medikamente ausser dem Schmerzmittel, abzusetzen, damit sie nicht mehr so lange leiden muss“.
Das war eine Horror-Nachricht für mich. Ich bin erst einmal mit ihren Kinden ins Zimmer gegangen, wurde dann aber allein gelassen. Ich gebe zu, diese Stunden waren mehr Therapie für mich, als alles zuvor. Jedes Gespräch, was passieren kann und wird, war zwar prägend, aber dennoch „weit entfernt“. Aber diese Stunden haben mir endgültg gezeigt: Martin, du trinkst nie wieder Alkohol. Ich habe ihre sehr dünne Hand gehalten. Sie hat sehr viel Gewicht verloren, da sie etwa eine Woche lang nichts mehr essen konnte. Sie war an vielen Kabeln und Schläuchen angeschlossen, ihre Augen konnte sie nicht öffnen, sprechen konnte sie auch nicht, höchstens ein aufstöhnen. Sie hat sich krampfhaft versucht, von den Schläuchen aus der Nase zu befreien, ich musste sie abhalten. Es waren schreckliche Stunden.
Ich hatte nicht mehr die Theorie von Therapeuten vor mir, alles war diesmal so nah. So echt. Ihre kraftlose Hand in meiner, ihr unregelmäßiger Atem, die Tatsache, dass sie nur noch mit einem Händedruck auf mich reagiert hat, aber weder sprechen noch sehen konnte. Ich war wie versteinert, habe trotzdem fast durchgehend – leise und vorsichtig – zu ihr gesprochen. Ich bin mir sicher, sie wusste, dass ich bei ihr war. Gegen 18 Uhr bin ich heim gefahren, da die Besuchszeit endete. Um 1:30 Uhr – 7einhalb Stunden später – Kam eine Nachricht von ihrer Tochter: „Sie ist tot.“ – Ich bin einerseits glücklich, dass ich es noch geschafft habe, mich von ihr zu verabschieden, auch bin ich froh, dass es letztendlich schnell ging und sie nicht lange leiden musste. Auch wenn es hart klingt. Aber es waren – und sind bis heute – die schwersten Zeiten für mich. Sie war alles für mich. Auch wenn es makaber klingt, sie hat mich mit ihrem Tod endgültig vom Alkohol befreit und mich gerettet. Bei der Beerdigung und bei jedem regelmäßigen Grabbesuch bedanke ich mich unter Tränen, dass sie mich gerettet hat.

Danke, dass du mich gerettet hast, du bist da oben, mein Schutzengel. Danke für jeden Tag mit dir, meine Seelenverwandte. Das ist unser letztes gemeinsames Foto in unserer besten Freundschaft. Du wurdest nur 46 Jahre alt. Du wirst für immer in meinem Herzen bleiben. Ruhe in Frieden und pass von da oben auf deine Kinder, Enkelkinder und auf mich auf ♥
