Wie bin ich in die Sucht gefallen – und wie ist sie verlaufen?
Vorweg
Es gibt meiner Erfahrung nach zwei Arten, in die Alkoholsucht zu gelangen. Die eine ist die am weitesten verbreitete: Der schleichende Prozess. Durch viele Gespräche in der Klinik habe ich festgestellt, dass die meisten Patienten einen ähnlichen Weg hatten, welcher in der Kindheit angefangen hat. Oft sind die Eltern bereits mit dieser chronischen Krankheit belastet und durch so genanntes Modelllernen ist es bereits im Kindesalter verankert. Oft ist im Jugendalter aber auch ein Freundes- und Bekanntenkreis, der die Problematik der Sucht bereits hat, ausschlaggebend, dass man „mitläuft“. Die Gefahr, dass man – ohne es zu merken – nach und nach in eine Sucht rutscht, ist sehr groß.
Dann gibt es aber auch, wie es bei mir der Fall war, die plötzliche Sucht durch einen Einschnitt ins Leben, einen Schicksalsschlag. Seit ich 19 war, war ich selbständig, die Firma lief im Wachstum sehr gut, ich hatte schnell Angestellte und durfte sogar ausbilden und habe Azubis eingestellt. Ein unbeschwertes, glückliches Leben voller Sicherheit begann und lief über Jahre mit Umsätzen in Millionenhöhe. Und dann – von heute auf morgen – ein harter Schicksalsschlag, der mir das alles binnen Sekunden genommen hatte.
Der Morgen, der Trauma & Sucht brachte
Das Thema Alkohol war für mich eigentlich kaum ein Thema. 1-2 Mal im Monat ein paar leichte alkoholische Getränke, wie Bier oder Wein, mehr nicht. Da meine Hobbys mit Fahrzeugen zu tun haben, habe ich eher selten getrunken, da sich das mit dem Straßenverkehr natürlich nicht vereinbaren lässt und verboten sowie lebensgefährlich für mich und andere ist. Auch habe ich mich immer gefragt, wie man zum Alkoholiker werden kann – ich habe es nie begriffen. Später als Unternehmer musste ich funktionieren, so dass der Konsum noch weniger wurde und ich das nie zu einem Thema gemacht habe.
Die Firma lief, alle waren glücklich und zufrieden, auch an jenem Abend ging ich glücklich, entspannt und sorgenfrei schlafen. Am Morgen wach gewurden, habe ich, wie jeden Morgen, mein Ritual verfolgt und im Bett auf dem Smartphone meine E-Mails gecheckt, um zu schauen, ob viel oder wenig Arbeit ansteht und ob es Probleme gibt. Und siehe da: Diese eine E-Mail, die mein Leben für immer verändern sollte. Sie kam von einem bekannten Zahlungsdienstleister, mit dem ich zu 90% zusammengearbeitet habe: Kunden zahlten überwiegend darüber, ich zahlte meine Lieferanten darüber. Leider habe ich diesen Dienstleister als Haupt-Cashflow genutzt, was sich durch die unternehmerische Unerfahrenheit als „nicht gut“ darstellte. In der besagten E-Mail stand, dass mein Konto dort bis zu 180 Tage eingefroren wird – Grund: Eine Standardüberprüfung.
- Ich wusste sofort: Martin, du kommst nicht an dein Geld dran
- Ich wusste sofort: Ich kann keine Lieferanten zahlen, um Kunden zu beliefern
- Kundengelder zurückzahlen, die stornierten, konnte ich ebenfalls nicht
Ein Kreislauf und Strudel nach unten begann an diesem Morgen, den ich niemals vergessen habe.
Ich war wie gelähmt, stand vor einer Wand, konnte mich psychisch nicht bewegen, konnte nichts unternehmen und nur hoffen, dass mein Konto beim Zahlungsdienstleister schnell wieder geöffnet wird. Dort lag ein hoher 6-Stelliger Betrag drauf, der unberührbar war von mir.
Warum schreibe ich das und hole soweit aus? Weil es jeden treffen kann, auch wenn man Angestellter ist: Wenn der Chef plötzlich keinen Lohn mehr zahlt. Auch dann erlebt man eine ähnliche Lähmung. Nur bei mir hing viel mehr dran: Viele Angestellte, Azubis – Alles ist unverschuldet wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Meine einzige Teilschuld war, dass ich mich auf einen Zahlungsanbieter aus den USA verlassen habe, und es nicht auf alle Konten verteilt hatte.
Von jetzt auf gleich habe ich mir im Kiosk eine Flasche hochprozentiges gekauft. Warum auch immer – denn meine Eltern trinken nicht, mein Freundeskreis ebenfalls nicht. Aber irgendwas sagte mir aus dem Unterbewusstsein: Du musst jetzt durchatmen, trink was, um dich erstmal zu betäuben und es zu verdrängen, damit du zur Ruhe kommst. Das war der Fehler-Gedanke, der mich von heute auf morgen in die Sucht getrieben hat. Aus dem „Heute beruhigen, morgen sehe ich weiter“ wurde, dass ich mir in den nächsten Tagen jeden Morgen 1-2 große Flaschen hochprozentiges gekauft habe. Innerhalb weniger Wochen, merkte ich, dass es kein Trinken mehr war, sondern Alkoholmissbrauch, denn ich hatte plötzlich am nächsten Tag nicht den „normalen Kater“, den Genusstrinker haben, wenn sie am Abend übertrieben haben. Nein, es kamen Entzugserscheinungen. Zittern, Schwitzen, innere Unruhe, Angstzustände. Um die „abzufedern“, habe ich mir praktisch jeden Morgen hochprozentiges gekauft, um gegen diesen schrecklichen Entzug zu trinken.
Vorweg: Das Ganze zog sich über zwei Jahre. Jeden Tag. Sieben Tage die Woche.
Wie sind die vielen Jahre insgesamt verlaufen?
In dieser Zeit des „ersten Blocks“ von zwei Jahren habe ich alle Klischees erlebt, die es so gibt zu dem Thema. In diesen zwei Jahren habe ich das gar nicht als ernsthafte und gefährliche Erkrankung gesehen, sondern nur als „vorübergehende Flucht“. Durch den Konsum war ich in der Leistung so eingeschränkt, dass ich es tatsächlich nicht hinbekommen habe, Insolvenz anzumelden. Es ging immerhin letztendlich um 1,1 Millionen Euro. Doch der Alkohol war stärker – ich saß Tag für Tag zu 80% benebelt durch dieses Nervengift, zu Hause und habe mich irgendwann sogar selbst bemitleidet. Die Insolvenz habe ich erst 3 Jahre später angemeldet. Sie ist seit vielen Jahren vorbei und fast alles ist vom Tisch. Doch kam ich aus dem Teufelskreis nicht raus. Im Gegenteil, irgendwann waren es jeden Tag drei Flaschen (0,7l) Hochprozentiges. Jeden Morgen um 7:00 Uhr am Supermarkt gewesen, mit einem starken Entzug, um mir neues zu kaufen.
In der Zeit habe ich viel negatives gemacht, an das ich mich nur teilweise erinnere. Viele Messenger-Nachrichten, die ich verschickt habe und im Nachinein bereut. Mein soziales Umfeld hat sich von mir abgewandt. Nach und nach wollten immer weniger Freunde und Bekannte mit mir Kontakt haben, da ich laut deren Aussagen „unzurechnungsfähig“ war. Das wurde mir aber erst nach vielen Monaten richtig bewusst. Im Konsum war es mir schlicht und ergreifend egal. Das ist die typische Verdrängung, die man durchlebt, wenn man getrunken hat. Auch habe ich erst einmal – was für mich sehr untypisch ist – die Vision meiner Selbständigkeit verloren, trotz dass ich eigentlich charakterlich sehr ehrgeizig bin.
Auch das körperliche hat sehr gelitten, ich war nach einigen Wochen schon sehr schwach, selbst Treppen laufen war anstrengend. Parallel habe ich nach einer Zeit aufgrund der entsprechenden Zahlungsunfähigkeit meine Wohnung, die Autos verloren und musste umziehen. Meine Beziehung ist ebenfalls „vor die Wand gefahren“. Zugegeben, die Beziehung war vor dem Ereignis schon angeschlagen. Doch die Sucht war letztendlich der letzte „Tritt“, der die Beziehung endgültig zerstört hat.
Man kann sagen: Ich habe binnen weniger Wochen alles verloren. Wirklich alles.
Das hat die Sucht nochmal verstärkt. Ich dachte jeden Tag: „Jeder 17jährige Azubi hat jetzt mehr, als du“. Selbstmitleid war die Folge, die durch den Konsum um ein unendliches verstärkt wurde. Dazu kamen die Erinnerungslücken. Währenddessen habe ich zwar ein neues Gewerbe angemeldet, welches aber viel zu wenig Einnahmen hatte, da ich ca. 1-2 Stunden am Tag halbwegs fit war und dann wieder stark alkoholisiert.
Nach etwa 1,5 Jahren fingen zu allen negativen Gedanken, neue Gedanken an, in meinem Kopf herumzuschwirren: Ich sollte das mit dem Alkohol sein lassen, so kann es nicht weiter gehen, du zerstörst dein Leben irgendwann komplett. Ein halbes Jahr ging mir das durch den Kopf, obwohl ich selbst da noch nicht darüber nachgedacht habe, eine chronische Suchterkrankung mit aktiviertem Suchtgedächtnis zu haben. Etwa ein halbes Jahr später habe ich dann – ohne jegliche fremde Hilfe – beschlossen, aufzuhören. In einem anderen Magazinbeitrag findest du den genauen Werdegang, wie dieses abrupte Aufhören ablief. Ein ca. zwei Wochen langer Entzug war die Folge, ich habe zu Hause sehr gelitten unter den Entzugserscheinungen und habe die Zeit tatsächlich fast 24 Stunden im Bett verbracht. Schlafen war in den ersten Tagen Fehlanzeige.
Die Traumatherapie
Nachdem der Entzug einigermaßen vorbei war, habe ich nach mehreren Wochen realisiert, dass mein Gehirn wieder beginnt, zu funktionieren. Das logische Denken, die Blicke in die Zukunft und Pläne sind nach und nach zum Vorschein gekommen. Mir wurde durch einen Zufall ein Psychiater, der auch Psychologe ist, empfohlen. Da ich damals noch privat Vollversichert war, habe ich binnen weniger Tage den ersten Termin gehabt zu den ersten Gesprächen. Hier war klar: Die Sucht ist nur ein Sympton eines Traumas. 1,1 Millionen Euro mit Privatvermögen-Haftung sind nunmal ein Trauma. Der Psychiater hat mir dann empfohlen, eine ambulante Traumatherapie bei ihm durchzuführen, damit die Basis der Sucht erst einmal bearbeitet wird.
Wir haben uns dann gemeinsam für eine sog. EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) Therapie. Es ist keine direkte Hypnose, aber es geht in die Richtung. Hier saß der Therapeut vor mir und hat ein negatives Thema vorgeschlagen. Ich erinnere mich noch genau an das erste Thema: Welche Gefühle hatte ich, als ich die Mail gesehen habe und plötzlich wie gelähmt war? Der Therapeut hat dann zwei Finger vor mein Gesicht gehalten und hin und her bewegt. Relativ langsam, da es sich um ein negatives Thema handelte. Ich sollte inteisiv nur an diesen einen Moment mit der Mail denken. Diese Session ging etwa eine Minute, ich hatte dabei schnell einen fokussierten Blick auf die Finger, denn ich sollte nur mit den Augen folgen.
Übrigens: Jeder Mensch macht nachts im Schlaf in der REM Schlafphase genau das: Eye movement. Die Augen sind im Schlaf natürlich geschlossen, aber sie bewegen sich hin und her, weil unser Unterbewusstsein in dieser Schlafphase positive und negative Erlebnisse der letzten Zeit verarbeitet. Wichig zu wissen ist auch, dass man, wenn man süchtig ist und konsumiert hat, der Meinung ist, dass man besser schläft – Doch das ist ein Irrglaube. Man hat in der Phase gar keine REM Phase. Daher kommen auch die negativen Gedanken am nächsten Tag, denn man hat nichts im Schlaf verarbeiten können.
Nachdem die Minute vorbei ist, habe ich mit dem Therapeuten gesprochen, in welchen Körperregionen ich in dieser Minute EMDR starke Gefühle hatte, wie z.B. Bauchgegend, Brust, Kopf usw. – Daraus hat er mit vielen Notizen ein Profil meines Traumas erstellt. Die nächste Session sollte dann positive Gedanken an diesem einen Tag betreffen, an was ich gedacht habe oder ob ich trotz allem etwas positives empfunden habe. Habe ich tatsächlich, weil Freunde (die übrig gebliebenen) da waren um für mich da zu sein. Die Fingerbewegung in dieser Minute waren dann deutlich schneller. Auch wurde danach wieder über die Gefühlsregionen im Körper gesprochen.
Dauer & Ergebnis der Traumatherapie
Die EMDR Therapie war ambulant, immer eine Stunde, einmal die Woche. Das Ganze lief insgesamt sechs Monate. Das Ergebnis war absolut perfekt. Es wurde mit der EMDR Therapie der Begriff Affektbrücke behandelt. Die Verbindung: Traumatisches Erlebnis zu den geistigen und auch körperlichen Gefühlen wird gekappt. So fühlte es sich zumindest bei mir an. Seit dieser Theapie sehe ich dieses Erlebnis tatsächlich nur noch rein sachlich. Nicht mehr emotional – Es war wie Magie für mich. Man muss sich jedoch zu 100% auf dieses Therapiemodell einlassen können, sich gehen lassen. Sonst wirkt sie nicht, denke ich.
Alkohol & Konsum nach der Traumatherapie
Erfreulich war, dass mit der erfolgreiche Therapie des Grunds für die Suchterkrankung, dazu geführt hat, dass ich kaum noch Verlangen hatte, zu trinken. Also war der Ansatz, den Boden zuerst zu bekämpfen, absolut der richtige Weg. Die folgenden Jahre verbrachte ich teils über Wochen abstinent, teils 1-2 Bier beim Grillen, aber mehr nicht. Ich dachte, ich habe es geschafft und das Leben geht, wie davor, weiter und alles wird gut. Ich habe eine Frau kennengelernt und wir waren 4,5 Jahre ein Paar, bis zu einer sehr unglücklichen Trennung, mit Polizeieinsatz und Gerichtsterminen. Das war nach all den schönen Jahren der große Rückfall.
Der Rückfall – Zweite Etappe der Hölle
Nach dieser grausamen Trennung mit der Justiz im Nacken, habe ich tatsächlich wieder angefangen zu verdrängen, exakt nach dem Muster, wie nach dem Firmencrash damals. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich nicht jeden Tag durchgehend konsumiert habe, sondern immer etappenweise: 1-2 Wochen am Stück, danach war wieder 3-4 Wochen nichts, dann wieder 1, 2 oder 3 Wochen. Immer im Wechsel. Ich habe dann den Mut gehabt und bin den Weg gegangen: Entzugsklinik. Wir haben bei uns im Kreis Neuss eine der besten psychiatrischen Kliniken, oder wie die sich nennen „Klinik für seelische Gesundheit“, in ganz Deutschland. Im anderen Bericht aus meinen Erfahrungen schildere ich mein Empfinden, meine Gefühle und meine Erfahrungen in der Entzugsklinik. Ich kann vorweg schreiben: Es ist nichts schlimmes, im Gegenteil. Viele haben Angst oder Respekt, in eine Psychiatrie zu gehen. Das Wort ist leider sehr negativ behaftet, deshalb habe ich auch erst so spät den Schritt gewagt und bin hingefahren. Dazu mehr im anderen Bericht.
Diese Etappe mit dem grauenhaften Alkohol ging insgesamt über ca. 3einhalb Jahre, insgesamt 35 Entgiftungen in dieser Klinik, die leider nie einen Erfolg erzielten. Ich habe 1-2 Tage nach der Entlassung wieder getrunken. Im Nachinein kann ich voller selbstüberzeugung sagen: Ich war noch nicht soweit. Deshalb kam es immer wieder zu neuen Rückfällen. Die Entzüge waren immer stationär, deshalb wurde ich mehr oder weniger gezwungen, nichts zu trinken. Auch habe ich eine 9wöchige stationäre Reha gemacht, ebenfalls ohne Erfolg, denn vier Tage nach dem Ende der Reha wurde ich wieder rückfällig und alles ging leider weiter. Auch wieder mit den typischen Symptomen: Die Entzüge waren heftig, gerade wenn ich zu Hause war. In der Klinik waren sie zu gut 50% „angenehmer“, da ich Entzugsmedikamente bekommen habe. Für zu Hause habe ich sie nie verschrieben bekommen, da sie in der Regel nur im Krankenhaus bzw. der Klinik gegeben werden, da es starke Nebenwirkungen geben kann, wie Atemdepressionen. Das sollte unter Aufsicht gegeben werden.
Im November 2026 kam der Wendepunkt: Der alles entscheidende „Klick-Moment“ im Kopf. Diesen habe ich all die Jahre belächelt, habe nicht daran geglaubt, dass die Sucht innerhalb von Sekunden bei mir verschwindet, wie sie gekommen ist. Doch es kam dann tatsächlich so.
➡️ Zu meinem nächsten Erfahrungsbericht, wie ich es heraus geschafft habe, geht es hier
